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„Man muss kein Kerl sein, um im Zimmererhandwerk zu arbeiten“

Zimmerer-Gesellin in der traditionellen Kluft: Nicole Köppel bei ihrer Freisprechungsfeier.

Eine Frau auf der Baustelle – anfangs erntete Nicole Köppel schon ein paar erstaunte Blicke. Vor rund vier Jahren hat sie ihre Zimmerer-Ausbildung im elterlichen Betrieb in Döhlau begonnen, mittlerweile studiert sie Bauingenieurswesen an der Hochschule Coburg. Sie sagt: „Man muss nicht unbedingt ein Kerl sein, um im Zimmererhandwerk zu arbeiten – das können wir Frauen genauso!“

 

Für sie war bereits früh klar, dass sie einmal Zimmerin werden möchte: „Als Kind war ich mit Mama und Papa schon immer auf der Baustelle dabei“, und: „Wenn uns auf dem Betriebsgelände langweilig war, haben uns unsere Eltern einfach einen Holzklotz, Hammer und Nägel gegeben und wir haben damit gespielt.“

 

"Man darf natürlich nicht erwarten, dass man mit Samthandschuhen angefasst wird“

 

Also startete sie nach Realschule und Fachabitur sofort mit der Lehre und sagt rückblickend: „Auf der Baustelle hat es immer Spaß gemacht, weil wir viel Abwechslung hatten und gesehen haben, was wir geschafft haben."

 

Und: „Wir hatten verschiedene Einsatzorte, mal haben wir eine Halle, ein Haus, mal einen Zaun oder Dachstuhl gebaut“ – im Fokus stand immer der nachwachsende Baustoff Holz.

 

In ihrem Baustellen-Team war sie die einzige Frau: „Natürlich bin ich am Anfang komisch angeschaut worden, doch mit der Zeit haben sich meine Kollegen an mich gewöhnt. Aber man darf natürlich nicht erwarten, dass man mit Samthandschuhen angefasst wird“ – im Zweifelsfall empfiehlt sie: Einfach einen frechen Spruch zurückfeuern.

 

Außergewöhnliche Baustelle: Eine Fassadenunterkonstruktion, die Zimmerin Nicole Köppel und ihr Team errichtet haben.

„Das Fitnessstudio kann man sich auf jeden Fall sparen“

 

Frauen können genauso im Zimmererhandwerk durchstarten, ist Köppel überzeugt. „Man benötigt dieselben Voraussetzungen wie ein Mann. Doch braucht es oft mehr Selbstvertrauen, weil man nicht von jedem auf der Baustelle sofort akzeptiert wird.“

 

Außerdem erinnert sie sich an eine Mitschülerin in der Berufsschule und bei den überbetrieblichen Lehrlingsunterweisungen: „Wir haben verschiedene Dachstuhlmodelle gebaut und die meisten Jungs mit unserem praktischen Können einfach weggefegt!“

 

Auch die körperliche Arbeit auf der Baustelle ist heute keine Hürde mehr, sagt Nicole Köppel: „Es gibt LKWs mit Kran – die ich mittlerweile auch selbst fahren und bedienen darf - die dabei helfen schwere Bauteile zu heben.“

 

Und wer körperlich arbeitet, hat dadurch auch Vorteile: „Das Fitnessstudio kann man sich auf jeden Fall sparen“, lacht sie. Als Fußballerin kickte sie trotzdem weiter und ist außerdem Schiedsrichterin.

 

Ihre Zimmerer-Lehre hilft ihr als angehende Bauingenieurin

 

Und nachdem sie den Gesellenbrief in der Tasche hatte, entschied sich Köppel für das Bauingenieur-Studium: „Weil mich vor allem die Statik von Gebäuden sehr interessiert.“

 

Mit ihrem Berufsweg tritt sie übrigens in die Fußstapfen ihres Vaters: Udo Köppel, ebenfalls Zimmerer, der sich bis zum Diplom-Bauingenieur weitergebildet hat und Obermeister der Zimmerer-Innung Hof/Wunsiedel ist: „Ich glaube schon, dass er stolz auf mich ist.“

 

Derzeit absolviert sie ihr Praxissemester in einem Architekturbüro, doch an freien Tagen hilft sie gerne im Familienbetrieb mit: „Da gibt es immer was zu tun, entweder draußen auf der Baustelle oder beim Abbinden in der Halle“ – also beim Vorbereiten von Holzkonstruktionen.

 

Ihr Wissen aus der Zimmerei hilft ihr auch im Studium, denn: „Ich kann mir die Baupläne räumlich viel besser vorstellen und weiß, wie das Gebäude in echt ausschauen würde.“

 

Mittendrin im Familienbetrieb: Die Mitarbeiter der Zimmerei Köppel.

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